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Wie wohnen geistig Behinderte?
Zum Beispiel.... nennen wir ihn Martin....
Manchmal fragt sich die Schwester des geistig behinderten Bruders, wie Leute in leitenden Funktionen von Wohnheimen leben. Geschäftsführer, Stiftungspräsidenten etc. Wie gross deren Zimmer sind, in denen sie die Nacht verbringen. Die Frage muss generell gestellt werden.
10 qm für Martin - im Zweierzimmer - im 21. Jahrhundert im Kanton Zürich - sehr sehr nahe - in der Schweiz.......
Wie wohnen Menschen im 64. Lebensjahr? Da wird die Frage präziser: Wie wohnt ihr geistig behinderter Bruder im Wohnheim? Er lebt in einem Zweierzimmer, das zunächst durch einen grossen Schrank in der Mitte in zwei Hälften unterteilt war, die Hälfte des Schrankes öffnete sich auf seine Seite hin, die andere Hälfte auf die Seite des Zimmerkollegen.
Beiden bleibt eine Fläche von knapp je 10 qm, in denen jeweils ein Bett, ein Nachttisch und ein kleines Gestell Platz haben müssen. Noch ein Stuhl. Von einer eigenen Ecke oder gar einer Intimsphäre nicht zu sprechen.
Zunächst sah das bei Martin so aus:
Unterteilung des 20 qm kleinen Zimmers mittels Schrank in zwei Teile.
Seit kurzem hat Martin eigene Möbel, die auf den Zentimeter genau auf das Zimmer abgestimmt sind, die auszulesen er mithalf.
siehe weiter unten!
Wie viel Macht hat ein geistig behinderter Mensch, sich zu wehren, sich einzusetzen für ein bisschen mehr Lebensqualität? Leider keine. Er ist auf Gedeih und Verderben darauf angewiesen, dass Architekten, die solche Institutionen bauen, ihnen eigenen Raum zubilligen. Auch dass Stiftungsratsmitglieder sich nicht nur an Finanzen orientieren. Bereits als Schwester oder Vormund ist man mit auf der ohnmächtigen Seite.
Wie kam es überhaupt, dass der Bruder, der im 2007 seinen 60. Geburtstag feiern konnte, in dieser engen Klause landete? Wir wollen es gerne erzählen:
Solange Martin zu Hause wohnte, bei der Mutter, hatte er sein eigenes Zimmer. Das war ihm lieb und viel wert, ja hundert Nippsachen, Bilder, Fotos hatten ihren Platz, es war sein Reich, in dem er Stunden verbrachte, zeichnend, auf der Handorgel musizierend, die kostbaren Dinge bestaunend, die seine Gestelle zierten. Aber irgendwann werden Eltern alt, und man tut gut daran, rechtzeitig eine Lösung zu suchen. Die Schwester, die diesen Bruder als Behinderten kennt, seit sie auf der Welt ist, suchte also nach einer Lösung. Es war sinnvoll, eine solche in der Nähe von ihr und ihrer Familie zu suchen, Martin sollte Angehörige in der Nähe haben. Das war vor 16 Jahren gewesen.
Ein sanfter Übergang, zuerst in einer Angewöhnungsphase nur die Arbeit, noch ohne wohnen, das Mittagessen gemeinsam mit den zukünftigen WG-Partnern einnehmen, täglich den Weg hin und zurück, das war lernbar, dann heim zur Mutter, in die eigenen vier Wände, die ihm so wichtig waren. Irgendwann Ferien im ‚Stöckli’, der Abteilung, auf welche BewohnerInnen aufgenommen werden, die bleiben. Für immer. Das Stöckli als endgültiges Zuhause. Wie glücklich waren die Angehörigen, als in eben diesem Stöckli ein Zimmer für Martin frei wurde. Ein Einzelzimmer, in dem er weiterhin sein Reich aufbauen konnte. Gut, es war um einiges kleiner als zu Hause, aber es waren seine eigenen vier Wände, einiges hatte man im Keller des Wohnheims zu verstauen, aber den Kompromiss wollte man eingehen. Solange die Mutter noch lebte. Martin zog ein.
Nach etwa einem Jahr wurde den Angehörigen mitgeteilt, dass Martin sein Einzelzimmer zugunsten eines Mitbewohners abgeben müsse, weil jener seinen Zimmergenossen schlage. Zufälligerweise ist Martin ein sehr friedlicher Mensch, also hatte er sein Zimmer herzugeben. Als sich die Angehörigen für ihn wehren wollten, versprach man, ihm so bald als möglich wieder ein Einzelzimmer zu geben. Die Jahre gingen ins Land. Wechsel fanden statt. Martin fand keine Berücksichtigung. Das Versprechen wurde jedes Mal umgangen mit Begründungen wie: „Wir sehen keine andere Lösung.“ oder „Es ist eine Frage von Mann und Frau, wir können kein Doppelzimmer für Frauen machen.“ oder „Es passt grad nicht.“
Dann starb sein Zimmerkollege, und Martin bekam einen neuen. Nennen wir ihn hier Willy. Wie gut zwei Menschen zusammenpassen ist in einem solchen Fall in erster Linie eine Frage der Ökonomie und der Möglichkeiten. Das bisschen eigene Ecke, das er beim ersten Zimmerkollegen hatte wahren können, war nun dahin. Das war nicht der Fehler von Willy, wie es überhaupt bei all seinen Mitbewohnern keine Frage von gut und bös war, ist, - auch sie ja alle geistig behindert. Aber Willy weitete seinen Raum aus, - wollte schauen, was Martin da und dort hatte, am Radio ein wenig drehen, in die Schublade gucken.
Das sind noch die Möbel, die dem Wohnheim gehören, mit denen Martin viele Jahre lebte. - Kürzlich nun gingen der Vormund, die Schwester und eine Betreuerin zusammen mit ihm neue Möbel kaufen, in einem Geschäft, welches auf den Zentimeter genau Möbel herstellen kann. Etwas anderes wäre gar nicht möglich.
Blick vom Bett aus zur Tür - und auf die linke Seite unweigerlich auch ins Refugium des anderen.
Im Jahr 2004 starb die Mutter, und der Ehemann der Schwester übernahm zu ihrer grossen Entlastung die Vormundschaft. Und immer wieder gab es Gespräche zwischen Angehörigen und Leuten der Abteilung (die das Problem wohl sahen, aber ihnen waren die Hände gebunden, - nicht nur liegt die Zimmerzuteilung nicht in ihrer Kompetenz, sie müssen sich selbstverständlich gegenüber den Vorgesetzten loyal verhalten oder zumindest schweigen.) Trotzdem war es auch ihnen längst ein Anliegen, dass das Versprechen bei Martin endlich eingelöst würde.
Der zweite Zimmerkollege starb. Der Schrank blieb in der Mitte, unterteilte die paar Quadratmeter, und nichts wurde geändert. Die Anregung der Angehörigen, des Vormundes, aus diesem an sich schon kleinen Zimmer jetzt ein Einzelzimmer zu machen, und also bei Martin das Versprechen nach fünfzehn Jahren nun endlich einzulösen, verhallte im Leeren, trotz der Zusage des Vormundes, man wäre bereit, für einen allfälligen Fehlbetrag aufzukommen. Bittbriefe des Vormundes an die Heimleitung, Gespräche, zusammen mit der Schwester (wie sagte da der Heimleiter zu dieser? „Ich kann ja auch nichts dafür, dass ich keinen behinderten Bruder habe!“), Briefe an den Stiftungsrat, ein Gespräch mit dem Präsidenten des Stiftungsrates und dem obersten Chefs des Wohnheims, alle Bemühungen fruchteten nichts.
Vorübergehend diente das zweite Bett, das von Martins Bett aus sichtbar ist, als Stauraum.
Zum Frühlingsbeginn 2011 wird der Bruder 64-jährig. Er, der so gerne zeichnet und malt, hatte in all den Jahren in seinen paar Quadratmetern nie Platz für einen Schreibtisch. Bis vor kurzem musste er inmitten von fremden Möbeln wohnen. Man hätte sich längst überlegen können, ihn aus diesem Wohnheim heraus zu holen, in einem anderen Heim zu platzieren, - aber damit wäre Martin nicht gedient, denn der Ort, wo er seit 19 Jahren lebt, ist sein Zuhause. Er ist gerne da. Hat kein anderes Daheim, seit die Mutter nicht mehr lebt. Die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sind die Menschen, die er gern bekommen hat. Die BetreuerInnen haben eine Beziehung zu ihm aufgebaut und umgekehrt. Er wird von diesen liebevoll betreut und begleitet. Es ist nicht möglich, ihn da einfach heraus zu reissen. Abgesehen davon war zu Beginn dieser Geschichte ja das Versprechen, dass Martin an diesem Ort bleiben dürfe, zeitlebens, im Einzelzimmer. Ihn in dieser Wohnsituation zu belassen ist trotz allem der richtige Entscheid! - Die Angehörigen haben keine andere Wahl, als so zu entscheiden.
Bevor die neuen Möbel kommen, wird das Doppelzimmer (das Martin im Moment noch allein benützt) auf Hochglanz gebracht!
Es ist soweit, - die neuen Möbel werden geliefert. Martin bekommt mehr Stauraum, und auf alle Fälle endlich ein eigenes Pult. Wie lange darf er das Einzelzimmer geniessen?
Es ist eine Gratwanderung, welche die Schwester und der Vormund zu gehen haben. Was ist das Wohl von Martin, der selber nur die Stimme hat, die ihm die Angehörigen geben? Es drängt sich generell die Frage auf: Wie wohnen geistig behinderte Menschen? Wie wohnt der Präsident der Stiftung? Wie wohnt der oberste Chef der Stiftung? Mindestens eine Antwort ist sicher und klar zu geben: Mit dieser unwürdigen Wohnsituation würde sich wohl weder der eine noch der andere einverstanden erklären. Zu Recht wie ich meine. Aber hat Martin nicht auch das Recht auf Würde, auch was seine Wohnsituation anbelangt?
Blick zum Fenster von seinem Zimmerteil aus, und auf den neuen Schrank für Nippsachen und Alben
Besonders freut der neue Teppich! Und endlich ein eigenes Pult zu haben!
Blick von der anderen Zimmerhälfte aus - der nurmehr halbhohe Schrank soll mehr Helligkeit ermöglichen, vermindert aber, sobald wieder ein Zimmerkollege einzieht, die private Sphäre!
Seit dem 1. März 2009 ist Martin nicht mehr allein! Das Zimmer mit den 20 qm ist wieder in zwei Nischen geteilt. Ihm gehören 10 qm.
Wäre es wirklich zu viel erwartet, wenn auch geistig Behinderte würdig wohnen dürften???
Zu ergänzen ist, dass auf der Gruppe, wo Martin wohnt, beim Bau das Wohnzimmer vergessen gegangen war. Ein kleiner Raum, knappe 10 qm, dient als improvisierte Stube für alle Bewohnerinnen und Bewohner.
Auch hier hat Martin also keine Chance, auszuweichen.
Wie wäre es mit 10 qm und einem Zweierzimmer für den Heimleiter und den Präsidenten der Stiftung?
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